Aus dem Bundestag an den Herd – Abgeordneter folgt Einladung zum Praktikum

22. Mai 2024

Rohr - Jan Plobner tauschte im Landgasthof Krug Krawatte gegen Kochschürze und schwingt statt großer Reden nun den Kochlöffel – für einen Tag.

Inhaberin Sandra Braun führt den Landgasthof Krug in Dechendorf, Gemeinde Rohr, bereits in der fünften Generation. Seit 2003 leitet sie den Familienbetrieb, in dem auch ihre Eltern tatkräftig mitarbeiten. Der Gasthof steht vor wirtschaftlichen Herausforderungen, wie Braun erklärt: "Wir haben dreißig bis vierzig Prozent Umsatzrückgang. Den Menschen fehlt inzwischen das Budget fürs Essengehen.“

Nach einer Veranstaltung der SPD im Krug, am Tag der Bauernproteste in Berlin, bot Frau Braun vor nicht allzu langer Zeit dem Bundestagsabgeordneten Jan Plobner an, sich doch ein Bild vor Ort zu verschaffen. Er möge einfach mal ein eintägiges Praktikum bei ihr absolvieren. Denn wer Entscheidungen für die Bevölkerung treffe, der soll gerne mal sehen, was jene Bevölkerung leistet, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Gesagt – getan. Und jetzt, am Nachmittag, bekundet sie: „Ich betrachte ihn wirklich als Praktikanten, der gesagt hat, er möchte einen Einblick in meinen Tagesablauf gewinnen. Ein Sympathieträger ist er auf jeden Fall. Ein Besserwisser ist er nicht.“

Hier, zwischen rauschenden Wasserhähnen und klappernden Töpfen, putzt er Gemüse und zupft Petersilie für die Fleischküchle, während die Küchenmeisterin ehrliche Antworten des SPD-Politikers auf diejenigen Fragen, die Gastronomiebetreiber wie Frau Braun beschäftigen, verlangt. „Kanzler Scholz hat gesagt, die 19 Prozent Mehrwertsteuer auf Essen in der Gastronomie würden nie wieder eingeführt. Wie kann man das den Wirten erklären?“ Der Abgeordnete gesteht: „Das ist nicht gerade das Lieblingsthema meiner Kolleginnen und Kollegen des SPD. Es war ein politischer Fehler, dass Olaf Scholz das so gesagt hat. Jeder hätte wissen können, wie die Haushaltssituation ist. Dann etwas zu versprechen, was im Endeffekt Teil des politischen Aushandlungsprozesses ist, ist immer gefährlich. Aber es verdeutlicht, warum sich Politikerinnen und Politiker vor zu klaren Aussagen scheuen: Sie fallen ihnen irgendwann auf die Füße.“

Herr Plobner fügt hinzu: „Ich frage mich, wie die Trennung zwischen Außer-Haus-Verzehr und Inner-Haus-Verzehr überhaupt zustande gekommen ist. So richtig nachvollziehbar ist das für niemanden mehr. Das hat sich irgendwie eingebürgert. Warum erhebt man nicht auf alle Lebensmittel denselben Steuersatz? Das wäre logisch. Aber nicht immer wird in der Politik der Weg gewählt, der logisch scheint. Und weil ich Pragmatismus sehr schätze, wäre das ein Weg, den ich charmant fände. Dafür werden mich diejenigen, die Steuergesetze schreiben, wahrscheinlich verfluchen. Spätestens die erfolgreiche Klage gegen den Bundeshaushalt hat solche Anpassungen allerdings in weite Ferne gerückt. Das ist die bittere Realität einer Sparpolitik.“

Gegen Mittag füllt sich der Gasthof, in der Küche muss es nun schnell gehen – und doch behält die erfahrene Gastronomin leicht den Überblick in Ihrem Reich und hakt weiter nach: „die SPD war mal die Partei der Arbeiter. Wie kann es sein, dass hart arbeitende Leute wie wir immer mehr Steine in den Weg gelegt bekommen, während andere über die 4-Tage Woche und immer mehr Work-Life-Balance diskutieren?“. Der Sozialdemokrat entgegnet: „Es haben sich die Ansprüche an das Arbeitsleben, das Familienleben, das Sozialleben so weit verändert, dass man darüber diskutieren muss, welchen Weg man gehen will und wie sozialdemokratische Politik im 21.Jahrhundert aussieht. Unsere Identität und unsere Ideale bleiben die Gleichen, jedoch muss sich Politik auch den gesellschaftlichen und marktwirtschaftlichen Veränderungen anpassen.“

„Doch was ist mit der Bürokratie?“, will Frau Braun wissen, „Es soll seit 20 Jahren Bürokratie abgebaut werden, davon merken wir bloß nichts. Immer noch einer drauf! Statistik hier, Dokumentation da! Das frisst Zeit, das zerstört Lebensqualität. Wir Selbständigen dürfen arbeiten, bis wir umfallen. Warum gelingt es einer Regierung nach der Anderen nicht, für weniger anstatt für immer mehr Vorgaben zu sorgen?“ – eine Frage, die nicht nur Unternehmer in der Gastronomie beschäftigt. „Alles, was ich in Berlin gelernt habe, sagt mir, dass es nicht so einfach ist, wie man meinen sollte, dass es ist. So ehrlich sollten Politiker auch sein. Was man allerdings immer berücksichtigen sollte: Bürokratie entsteht ja meistens nicht, weil es lustig ist oder irgendjemand ein Gesetz schreiben will. Sie entsteht daraus, dass irgendwo ein Problem existiert, und dann versucht man, eine generelle Lösung für einen Einzelfall aufzuschreiben. An anderer Stelle wirken diese Lösungen dann oft hinderlich, doch sie regeln nach wie vor anzunehmende Fälle.“

Interessant, aufschlussreich, wertvoll – so beschreiben sowohl die Gastronomin als auch der Berufspolitiker die Erfahrung des gemeinsamen Arbeitstages. „Handfeste Arbeit erdet. Ich mache das zu selten, doch es tut auch gut. Wenn es für die Show wäre, würde ich das jeden zweiten Tag machen“, resümiert Jan Plobner. Frau Braun nickt. „Das macht ihn wirklich zu einem liebenswerten Menschen, das muss man sagen. Er arbeitet gut, aber“ – und sie lacht erneut – „er ist ausbaufähig. Welpenschutz!“ Und sie fügt an: „Wer bestimmt heute, was normal ist? Für mich ist mein Leben normal, ich bin gerne Gastgeberin. Glaub an Gott, und hilf dir selbst! Warum soll ich auf die Politik warten?“